Studienaussteiger für die duale Ausbildung gewinnen

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Immer mehr Unternehmen nehmen Studienabbrecher als Zielgruppe für die duale Ausbildung in den Blick. Die Atlas Copco Energas GmbH ist da schon weiter.

Bereits seit zwei Jahrzehnten bildet der Anbieter von Turbomaschinen Studienaussteiger aus. Wir haben Ausbildungsleiter Michael Jonas zu seinen Erfahrungen befragt.

Talentmaschine: Akademisierung, demografischer Wandel und Fachkräftemangel – Trends, die viele Unternehmen schmerzlich zu spüren bekommen: Immer weniger junge Menschen bewerben sich auf die angebotenen Ausbildungsplätze, immer mehr Lehrstellen bleiben unbesetzt. Bei Ihnen auch?

Michael Jonas: Nun, in gewisser Weise ja. An unserem Kölner Standort beschäftigen wir rund 600 Mitarbeitende und bieten jährlich 14 Ausbildungsplätze an, zwei kaufmännische und 12 gewerblich-technische. Für die kaufmännischen Lehrstellen erhalten wir nach wie vor sehr viele Bewerbungen – ungefähr 150 jedes Jahr, und die Tendenz ist weiter steigend. Im gewerblich-technischen Bereich sind die Bewerberzahlen rückläufig, aber nicht so stark, dass wir uns Sorgen machen müssten. Was uns allerdings zu schaffen macht, ist die Qualität der Bewerbungen. Die hat in den letzten Jahren merklich nachgelassen. Von hundert Kandidaten lade ich nur 40 bis 50 zum Einstellungstest ein, weil der Rest schulische Defizite aufweist. Dem versuchen wir im Rahmen unseres Recruitings mit Technikunterricht und praktischen Projekten an den Schulen entgegenzuwirken.

Talentmaschine: Bewerben sich denn viele Studienaussteiger bei Ihnen?

Michael Jonas: Das ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Sie sind in unserem Unternehmen auf jeden Fall keine Ausnahme. Der erste hat bereits vor rund 20 Jahren bei uns angefangen, derzeit sind zwei von 45 Auszubildenden junge Menschen, die ihr Studium abgebrochen haben.

Talentmaschine: Verläuft diese Ausbildung für die Studienabbrecher anders?

Michael Jonas: Auch hier gilt bei uns Gleichbehandlung. Die Ausbildungsinhalte sind dieselben, auch eine Ausbildungsverkürzung wird nicht von vornherein angeboten. Die gibt es nur bei guten Leistungen, und zwar sowohl für Studienabbrecher als auch für „normale“ Auszubildende. Alle müssen sich gleichermaßen beweisen. Das halten wir schon immer so – und sind auch gut damit gefahren. Keiner fühlt sich bevorzugt oder benachteiligt, alle arbeiten harmonisch zusammen. Teamarbeit wird bei uns ganz groß geschrieben.

Talentmaschine: Gibt es denn etwas, das Studienabbrecher besonders gut können?

Michael Jonas: Sie haben natürlich einen anderen schulischen Hintergrund, Abitur und meistens auch schon einiges an Fachwissen aus dem Studium. Das hilft ihnen vor allem im theoretischen Teil der Ausbildung, in der Berufsschule. Davon kann eine ganze Azubi-Gruppe profitieren. Wie schon gesagt, Teamarbeit ist bei uns sehr wichtig. Studienabbrecher, die in der Theorie besser sind, helfen den Auszubildenden, die eher praktisch veranlagt sind, und umgekehrt. Das steigert das Leistungsniveau insgesamt. Und sorgt für ein harmonisches, gemeinsames Arbeiten.  

Talentmaschine: Und wie profitiert ihr Unternehmen von den Studienabbrechern?

Michael Jonas: Bei uns gibt es verhältnismäßig viele Ingenieure und wir haben festgestellt, dass ein Studienaussteiger, der einerseits theoretisches Wissen aus dem Studium, andererseits aber auch praktische Fähigkeiten aus der Ausbildung mitbringt, besonders für die Konstruktion geeignet sind. Denn jemand, der während der Lehrzeit schon mal an einer Maschine geschraubt hat, weiß oftmals besser, wie er eine Aufgabe lösen kann, als ein Theoretiker frisch von der Universität.   

Talentmaschine: Das klingt, als hätten Sie nur positive Erfahrungen gemacht. Werden Sie also auch weiterhin Studienaussteiger rekrutieren?

Michael Jonas: Unsere Erfahrungen waren in der Tat sehr positiv. Die Studienabbrecher sind motiviert und lernen schnell. Bislang hat keiner die Ausbildung wieder abgebrochen – generell ist unsere Abbruchquote sehr gering: in 15 Jahren nur ein Auszubildender. Natürlich werden wir auch in Zukunft junge Menschen einstellen, die ihr Studium vorzeitig beendet haben. Denn wie alle Unternehmen sind auch wir auf qualifizierte und motivierte Mitarbeitende angewiesen.

Talentmaschine: Letzte Frage: Was ist aus dem Studienabbrecher geworden, der vor 20 Jahren bei Ihnen eine duale Ausbildung  absolviert hat?

Michael Jonas: Nach der Ausbildung hat er sein Studium berufsbegleitend wieder aufgenommen, dieses auch erfolgreich zu Ende gebracht und dann weiterhin als Ingenieur bei uns gearbeitet. Sein Beispiel zeigt, dass ein Studienabbruch auch zu einer neuen Chance werden, einen neuen Weg aufzeigen und gleichermaßen zum beruflichen Erfolg führen kann.


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